Das Judentum

 

Gleich vorneweg: DEN Juden gibt es nicht. Es wird bereits kontrovers diskutiert, wer ein Jude ist. Traditionell gilt als Jude, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum konvertiert ist. In den USA gilt aber jedes Kind als Jude, das einen jüdischen Elternteil hat, wenn es jüdisch erzogen wurde.

 

Rabbiner Mordechai Kaplan (*11.6.1881, ^ 8.11.1983) erklärte 1934: „Das Judentum umfasst wesentlich mehr als nur die jüdische Religion. Es umfasst eine Verbindung von Geschichte, Literatur, Sprache, sozialer Organisation, folkloristischen Regeln des Zusammenlebens und des Verhaltens, sozialer und ästhetischer Ideale sowie ästhetischer Werte, die alle zusammen in ihrer Totalität eine Zivilisation bilden.“

 

Und da gibt es bereits große Unterschiede. Eine erste grobe Unterteilung wäre in Aschkenasim, Sephardim und Misrachim.

 

Die Bezeichnung Aschkenasim stammt vom biblischen Namen Aschkenas. Dieser Name wurde im 9. Jahrhundert auf das deutschsprachige Gebiet und die dort lebenden Juden übertragen. Die Aschkenasim sind mittel-, nord- und osteuropäische Juden und ihre Nachfahren. Jiddisch war die vorherrschende Sprache, allerdings gab es zahlreiche Dialekte.

 

Die Sephardim waren die Juden und ihre Nachfahren, die bis zur Vertreibung 1492 und 1513 auf der Iberischen Halbinsel, also in Spanien und Portugal, lebten. Nach der Vertreibung ließen sie sich überwiegend im Osmanischen Reich und Nordwestafrika nieder, ein kleinerer Teil emigrierte nach Nordeuropa. Die vorherrschende Sprache der Sephardim war Spanisch, Portugiesisch und Djudeo-Espanyol.

 

Misrachim bezeichnet die Juden, die keinen mitteleuropäischen oder spanischen Hintergrund haben und aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan, vereinzelt auch aus Russland, Kasachstan, Turkmenistan und Afghanistan stammen. Ihre Sprachen richteten sich nach den Herkunftsländern wie zum Beispiel Judäo-Tadschikisch oder Buchori, judäo-arabische Dialekte wie das Moghrabi, Dzhidi, Judäo-Georgisch, Judäo-Berberisch, Juhuri, Judäo-Aramäisch. Als Schriftsprache dominierte das Arabisch mit geändertem hebräischem Alphabet.

 

Aschkenasim, Sephardim oder Misrachim unterscheiden sich nicht wesentlich im Glauben, sondern durch den kulturellen Hintergrund. Die kulturellen Unterschiede, gewachsen in über 2000 Jahren, wirken auch noch heute trennend.  

 

Daneben gab es noch jüdische Sekten wie beispielsweise die Karäer. Die Karäer verstehen sich als jüdische Religionsgemeinschaft und als eigene Volksgruppe innerhalb der Turkvölker. Ihre Religion weicht deutlich vom rabbinischen Judentum ab. Sie sprechen karaimisch mit zahlreichen Dialekten und haben das Hebräische als Schriftsprache. Karäer lehnen den Talmud ab und erkennen ausschließlich die Tora als heiliges Buch an. Daher haben sie auch keine Talmud-Schulen wie rabbinische Juden. In Israel werden die Karäer als nichtreligiöse Juden eingestuft.

 

 

Jüdische Religion

 

Die jüdische Religion ist die älteste monotheistische abrahamitische Religion. Im Gegensatz zum Islam und Christentum ist es keine missionarische Religion.  

 

Genau wie im Christentum oder Islam gibt es sehr unterschiedliche religiöse Strömungen und Ausrichtungen. Es gibt orthodoxe, konservative, liberale oder reformistische Juden. Diese unterschiedlichen Strömungen sind aber nicht monolithisch, das heißt in sich einheitlich. Orthodoxe und nichtorthodoxe Gemeinschaften weisen auch innerhalb der Bewegungen wieder unterschiedliche Strömungen auf.

 

 

Orthodoxes Judentum

Für orthodoxe Juden wurden die schriftliche und mündliche Tora am Sinai vom Herrn offenbart und gelten als einzige Richtschnur für das tägliche Leben. Schriftliche und mündliche Tora sind gleichrangig. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es auch orthodoxe Juden mit der Bereitschaft, sich gegenüber der modernen Kultur zu öffnen, was von ultraorthodoxen Gruppen radikal abgelehnt wurde, weil für sie nur die vollständige Trennung vom Weltlichen das Überleben des Judentums gewährleisten kann.

 

 

 

Reformjudentum
In der Zeit der Aufklärung und Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland eine moderne Interpretation des Judentums. Wesentliches Merkmal ist die Betonung der Gleichheit aller Menschen, das demokratische Bekenntnis und die Pflicht zur sozialen Gerechtigkeit. Ethische Werte haben Vorrang vor rituellen Geboten, ethische Gesetze werden als Ausdruck des g-ttlichen Willens gesehen. Rituelle Gebote sind dennoch wichtig, um jüdisches Leben zu bewahren. Somit sind ethische Gesetze unveränderbar, rituelle Gesetze können dem jeweiligen Lebensumfeld angepasst werden. Zum Beispiel  wird der Sabbat gefeiert, aber man darf mit dem Auto zur Synagoge fahren, was nach orthodoxer Auffassung verboten ist. Liberale Juden sehen also in der Offenbarung des Herrn keinen einmaligen Vorgang, sondern einen fortschreitenden Prozess. Die Liturgie findet nicht nur in Hebräisch statt, sondern auch in der Landessprache. Musikinstrumente dürfen in der Liturgie eingesetzt werden. Frauen und Männern sind in allen religiösen Angelegenheiten gleichberechtigt. Daher können im Reformjudentum auch Frauen zu Rabbinerinnen ordiniert und Kantorinnen ausgebildet werden.

 

Konservatives Judentum
Das konservative Judentum entstand ebenfalls im 19. Jahrhundert in Europa. Auch konservative Juden erkannten einen Reformbedarf, das Reformjudentum ging ihnen aber zu weit. Für konservative Juden sind Halacha und Ritualgesetze bindend. Die Interpretation und Anwendung der Ritualgesetze werden aber hinterfragt. Die Traditionen sollen bewahrt werden, soweit sie mit modernen Erkenntnissen und Lebensumständen vereinbar sind. Auch im konservativen Judentum werden inzwischen Rabbinerinnen ordiniert.

 

Rekonstuktionismus
Der Rekonstruktionismus ging aus dem Konservativen Judentum hervor. Diese religiöse Strömung wurde in den USA ins Leben gerufen und ist die kleinste innerjüdische Bewegung. Nach seiner Philosophie existiert kein übernatürliches g-ttliches Wesen, sondern der Herr ist die Summe aller positiven Kräfte für das Leben und das Judentum eine sich weiterentwickelnde religiöse Zivilisation. Auch im Rekonstuktionismus werden Rabbinerinnen ordiniert.

 

 

Israel und Jüdische Religion

 

Israel ist ein Staat. Ein Staat wie Frankreich oder Bolivien oder Kamerun. Israel versteht sich als jüdischer Staat, so wie sich Deutschland als christlicher Staat sieht. In Israel leben aber nicht nur Menschen, die jüdischen Religionsgemein-schaften angehören. Dort leben unter anderem auch Christen, Muslime, Athei-sten mit der Israelischen Staatsbürgerschaft. 20% der Israelischen Staatsbürger sind Araber, überwiegend mulimisch. In den USA leben in etwa genausoviel oder mehr Juden wie in Israel. In Deutschland leben nicht nur Christen, sondern auch Muslime, Atheisten, Juden und andere Glaubensangehörige mit der Deutschen Staatsbürgerschaft. Die Muslime in Deutschland sind etwa 5,5% der Bevölker-ung. Niemand käme auf die Idee, dass alle Deutschen Christen, alle Iraner Muslime sind. Eigenartigerweise wird aber von vielen Leuten Israel mit jüdischen Religionsgemeinschaften gleichgesetzt. Und es soll Juden geben, die mit der israelischen Politik nicht unbedingt einverstanden sind.

 

Zum Davidsstern: Der Davidstern wurde von der zionistischen Bewegung 1897 als Emblem angenommen. Die jüdische Gemeinde von Prag war die erste, die den Davidstern als offizielles Symbol verwandte. Der Davidsstern ist also in erster Linie ein politisches Symbol. Es gibt muslimische Israelische Staatsbürger, die sich nicht mit der Israelischen Fahne identifizieren können. Es wäre mir aber neu, dass sich jüdische oder muslimische Schweizer Staatsbürger gegen die Fahne mit dem Kreuz richten oder nichtkommunistische Chinesen gegen die rote Fahne oder nichtmuslimische Algerier gegen den Halbmond.

 

Damit dürfte deutlich genug gemacht sein, dass Polemik Vorurteile bedient und zur Verdummung vieler Leute beiträgt.

 

Gerade im Land Israel wird deutlich, dass Jude nicht gleich Jude ist. Die Konflikte zwischen Aschkenasim und Sephardim sind nicht gelöst. Tendenziell gehören die Aschkenasim zur Mittel- oder Oberschicht, während die Sephardim überpropor-tional in der unterprivilegierten Klasse vertreten sind.

 

Dazu nehmen die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen liberalen und ultraorthodoxen Juden zu. Dabei geht es nicht nur um den Wehrdienst, sondern auch um das Demokratieverständnis, Frauenbild, Lebensstil und das Verhältnis zum Staat. Ultraorthodoxe Juden in Israel sprechen nichtreligiösen oder liberalen Juden ab, Juden zu sein, nichtreligiöse oder liberale Juden bezeichnen die ultraorthodoxen Juden als Schmarotzer. Die Israelische Gesellschaft ist zerrissen, auch ohne den Konflikt mit den Palästinensern.

 

 

 

Ist ein militantes Auftreten durch Ultraorthodoxe gegen Andersgläubige oder Nichtjuden von der jüdischen Religion abgedeckt? Nein, ist es nicht. Sie missachten den Bund des Ewigen mit Noach (Noah). Noah galt als gerechter, untadeliger Mann“. Menschen, die die noachidischen Gebote einhalten, sind zu achten und zu respektieren. Nach rabbinischer Tradition lehrt das Judentum den Glauben, dass alle Menschen mit G-tt verbunden sind, wenn sie die noachidischen Gebote befolgen. Die noachidischen Gebote sind:

  • Verbot von Götzendienst
  • Verbot der G-tteslästerung    
  • Verbot von Mord
  • Verbot von Ehebruch
  • Verbot von Diebstahl
  • Verbot, das Fleisch eines noch lebenden Tieres zu essen
  • Gebot zur Einführung eines gerechten Gerichtssystem, Rechtssystem

In der jüdischen Religion gibt es keine Höllenstrafen im Jenseits und alle Menschen werden einen Anteil der kommenden Welt haben. Daher gibt es keinen Grund für das Judentum zu missionieren und erst recht keinen, um derart martialisch gegen Andersdenkende vorzugehen.

 

 

 

 

Kleine Nebenbemerkung und die gilt für alle abrahamitischen Religionen: Weder in der Tora, noch im Koran, noch in der Bibel gibt es ein Gebot für religiösen Fanatismus.

 

 

 

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